"Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein."
"Etwas verwest in uns.
Unter diesem dünnen Lack aus Anstand, Moral und Zivilisation gärt abgestandenes Menschsein.
Und wenn die Membran reißt, wird die Welt ertrinken.
In einem Meer aus Blut, Tränen und Pisse."
Letztes Wochenende hatte ich wieder viele Eindrücke, welche sich jetzt, wo ich sie mit Abstand betrachte, wie Puzzleteile zu jenem großen Gesamtbild fügen lassen, das ich schon seit Jahren in meinem Kopf habe.
Wir waren an diesem Abend in einer Stadt im Ruhrpott zum feiern. Das erste krasse Bild, das sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, war dieser Penner, der in der Nähe des Bahnhofs auf dem Gehweg gesessen hat. Er war vielleicht 40 oder 50 Jahre alt, sah sehr dreckig und krank aus, trug dreckige Klamotten und eine zerfetzte, kurze Hose. Seine Waden waren zerstochen und voller Eiter. Sein Blick ging in die Leere. Wahrscheinlich war er ein Heroin-Junkie. Scheinbar musste er pinkeln, denn er machte seine Hose auf und versuchte, sein Teil raus zu holen, doch bevor er das schaffte, fing es schon an und er machte seine Hände und seine Hose nass. Im ersten Moment war ich ziemlich angewidert. Ein paar Minuten später hatte ich Mitleid. - Währenddessen unterhielten sich anderswo irgendwelche freizügigen Chicas mit tonnenweise Makeup in den Fressen über ihre Fingernägel und andere Belanglosigkeiten. Ich fragte mich, wie weit es mit der Menschheit schon gekommen ist.
Wir gingen dann in eine Disco, in der es einen Bereich gab, wo die ganze Zeit Heavy Metal lief. Irgendwelche schmierigen Rocker grölten die stumpfen Texte von Liedern mit, schwärmten von alten Zeiten, tranken Bier und schüttelten ihre langen Haare im Rhythmus der Musik. - Währenddessen wühlten anderswo einige Pfandflaschensammler in dreckigen Mülltonnen nach Dosen und Flaschen um sich ihr nächstes Brot zu verdienen.
Später besuchten wir ein Fastfoodrestaurant, um einen Kaffee zu trinken. Draußen vor dem Eingang saß ein dunkelhäutiger Mann auf dem Gehweg. Er war am weinen. Schon wieder hatte ich Mitleid. Ich fragte mich, was den Mann zum weinen gebracht hatte. Als wir dann drinnen saßen und unseren Kaffee tranken, hatten wir Smalltalk mit einem Mann, der schon fast zwei Tage lang wach war und gerade von einer zehnstündigen Nachtschicht kam. Trotz seiner harten Arbeit schien er gute Laune zu haben. Wahrscheinlich machte er gute Miene zum bösen Spiel. Wenigstens hatte er eine Arbeit. Dadurch war er schon mal viel besser dran, als die ganzen anderen armen Seelen, die ich an diesem Abend schon gesehen habe. Trotzdem ein Sklave des Systems.
Als wir am Bahnhof auf unseren Zug warteten, beobachtete ich eine Gruppe von Leuten. Unter ihnen waren offensichtlich einige Lesben und Schwule. Sie schienen alle ziemlich gereizt zu sein. Ein Transvestit und ein ziemlich maskulin gekleidetes Mädel hatten eine heftige Auseinandersetzung. Plötzlich fingen die beiden eine Schlägerei an, wurden aber von den Anderen schnell voneinander getrennt. Der Mann in Frauenkleidern blutete stark aus der Nase und wurde laut fluchend fortgeschickt. Ich fragte mich, wieso manche Menschen ihre Konflikte mit Gewalt lösen müssen statt mit Worten.
Fast eine halbe Stunde später saßen wir dann im Zug nach Hause. Ein paar Plätze weiter saßen einige geistig zurückgebliebene Checker-Typen, die offensichtlich besoffen waren, weil sie wahrscheinlich gerade von einer Party kamen. Sie unterhielten sich sehr laut, was mich kaum störte, bis zu dem Moment, in dem sie anfingen, lachend darüber zu lästern, wie jemand aus ihrer Gruppe während einer kleinen Rangelei jemandem einen Cheeseburger ins Gesicht geklatscht hatte. Die Soße und die Gurken in dem Gesicht des Typen fanden sie so lustig, dass sie sich einige Minuten darüber schrott lachten. - Währenddessen krepierten anderswo einige Kinder, weil sie nichts zu Essen hatten. Einige sitze in der anderen Richtung im Zug saßen zwei Kerle, die sich darüber unterhielten, dass einer von ihnen total unglücklich war, weil er bis über beide Ohren in ein Mädchen verliebt war, aber keine Beziehung mit ihr anfangen konnte, weil sie einer anderen Religion angehörte und ihre Eltern das nicht erlauben würden. Die beiden können also nicht miteinander glücklich werden, weil der imaginäre Freund ihrer gehirnamputierten Eltern es verbietet. Neben den beiden saßen noch ein paar junge Leute, die sich angeregt darüber unterhielten, ob sie sich von ihrem vielen Geld einen BMW, oder doch lieber einen Audi kaufen sollten. Sie gingen sämtliche Stärken und Schwächen der beiden Automarken durch und kamen dann dazu, wie die Ausstattung sein sollte. - Währenddessen verlor anderswo eine Familie gerade den Vater, weil dieser von einer Landmine zerfetzt wurde.
All das schwirrt in meinem Schädel herum. Es fällt mir schwer, die Puzzleteile richtig zuzuordnen. Das Gesamtbild ist durch den Alkohol, den ich getrunken habe, verzerrt und chaotisch. Die Gesellschaftsdroge trübt meinen Geist. Die gesamte Menschheit leidet ziemlich stark unter der heftig wuchernden Dekadenz. Wir alle sind Sklaven des Geldes, des Konsums, der Drogen, oder sonst was. Dieser ganze Dreck macht mich wütend und traurig. Das alles ist wie Gift für meine Seele. Einerseits habe ich Mitleid mit den Menschen und frage mich oft, wie es möglich wäre, sie von diesem Gift zu befreien. Andererseits habe ich langsam die Schnauze voll davon, zu grübeln, wie man diese brutale und egoistische Spezies retten könnte. Ganz abgesehen davon, ob der einzelne Mensch es verdient hat, oder unschuldig ist, könnte all das auch die gerechte Strafe für die Menschheit als ganzes sein. Vielleicht wird alles Leid erst enden, wenn jeder einzelne auf diesem Planeten sich selbst von den Geistesgiften erlöst hat. Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass ich das nicht mehr lange ertrage. Am liebsten würde ich nach Tibet auswandern und in einem buddhistischen Kloster leben. Leider geht das schon alleine deshalb nicht, weil Tibet von China unterdrückt wird und jeden Tag die Mönche von chinesischen Soldaten schikaniert oder getötet werden. Die Menschheit ist dem Untergang geweiht und ich will mich nicht von ihnen mit nach unten ziehen lassen. Ich merke schon, wie ihr Gift in meine Seele kriecht. Ich muss mich davon befreien, bevor es zu spät ist. Hoffentlich reichen Meditation und das luzide Träumen, um mich davor zu bewahren.
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